Wie Selfpublisher die Literatur entwerten

Für diesen werde ich ganz bestimmt Haue kriegen, aber das muss jetzt mal raus.

Jeder weiß, der Wert einer Sache bemisst sich für viele (erwachsene) Menschen an ihrem ursprünglichen Kaufpreis. Nicht nur, nicht immer, es gibt schließlich auch Dinge die einen ideellen Wert haben, die man vielleicht aus Nostalgie hoch schätzt. Aber die Menschen sind materialistisch. Etwas, für das sie eine Stunde arbeiten mussten, oder auf das sie mehrere Jahre gespart haben, hat für die meisten einen viel größeren Wert, als ein billiges Plastikspielzeug aus dem Ein-Euro-Shop. Oder ein Schüsselanhänger als Werbegeschenk. Mit dem Loch im Geldbeutel steigt der Respekt vor der Sache.

Mit kulturellen Erzeugnissen ist das nicht anders: ein Konzert, das keinen Eintritt kostet – kann nicht wirklich die Bringer-Band sein. Außer es sind Berühmtheiten, die zu wohltätigen Zwecken spielen, und von denen man weiß, dass ihre Darbietungen üblicherweise teuer bezahlt werden müssen.
Ein Bild, das jemand in der Fußgängerzone verschenkt, das guckt man daheim an – klar. Lässt man es aber für teuer Geld rahmen und hängt es an prominenter Stelle im Wohnzimmer auf? Eher unwahrscheinlich. Weil es geschenkt war. Hätte man das selbe Bild bei einer Vernissage, auf der man den Maler persönlich kennengelernt und ihm die Hand geschüttelt hat, für achthundert Euro gekauft, keine Frage: man behandelte es mit viel mehr Respekt. Es erhielte einen schönen Rahmen, sogar neue Lampen würde man installieren, um das Werk in ein gutes Licht zu setzen.

Geschichten, ganz egal ob in gedruckter, erzählter oder heruntergeladener Form, sind Kulturerzeugnisse. So wie Musik und Bilder und Filme. Sie haben einen Wert und sie sollen auch einen Preis haben. Die meisten Diskussionen um E-Books gehen derzeit um die Frage, warum Verlage so viel für E-Books verlangen, wo die Herstellung doch viel günstiger ist. Abgesehen davon, dass das so nicht stimmt, geht es eben nicht nur um die Kosten der Herstellung. Bei kulturellen Gütern, deren Wert nicht nur an den Arbeitsstunden der an der Herstellung beteiligten Personen, nicht nur am Preisschild für Papier und Druckerschwärze hängt, um so mehr.

Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Und der Literaturmarkt – wenn man Amazon KDP überhaupt als Teil dieses Marktes sehen will – wird mit 99 Cent Büchern, und noch schlimmer mit Gratis-E-Books überschwemmt. Klar das sind nur Werbeaktionen. Man will die Geschichte in den Top-10 haben, damit sie sich im Nachklapp der Aktion dann besser verkauft. So sehen das aber die Leute nicht, die das Gratiszeug herunterladen. „Leser“ will ich die gar nicht nennen. Denen geht es ebenso wie den Raubkopierern nicht darum zu lesen, sondern möglichst viele E-Books auf ihrem Reader zu haben. VIELE GROSSE BÜCHER. Da es sich hauptsächlich um Männer handelt, die illegal tauschen, liegt da ein ganz bestimmter Vergleich nahe.
Es gibt mittlerweile Portale im Internet, die sich darauf spezialisiert haben, kostenlose E-Books aufzuspüren und zu listen, damit es noch leichter fällt sie zu finden und zu laden. Es wird auch bald Roboter geben, die diese kostenlosen E-Books automatisch auf den Kindle laden da bin ich mir 100% sicher. Es wird bald Leute geben – ach nee, die gibts ja schon – die haben zweitausend E-Books auf ihrem Kindle und keines davon gelesen. Denn die Sachen „sind es ja nicht wert“ gelesen zu werden. Eine ähnliche Erfahrung habe ich selbst schon gemacht – ich habe mir aus Neugierde ein, zwei Kostenlos-Aktions-E-Books geladen und reingeguckt. Eines fertiggelesen? Nada. Da ist ja auch kein Druck: nun habe ich schon mal neun Euro dafür ausgegeben, ich sollte es auch lesen. Denn dafür hat man ja immer viel zu wenig Zeit.

Wir Autoren ärgern uns darüber, wenn unsere Bücher raubkopiert und in illegalen Tauschbörsen verteilt werden. Aber das ist in einer kulturellen Landschaft, wo andere Schreiber ihre Geschichten massenhaft verschenken, gar nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr, dass die Leser jetzt schon denken: warum soll ich für ein E-Buch überhaupt noch was bezahlen, wo die doch verschenkt werden. Das Problem ist, dass durch Amazons Möglichkeiten E-Books temporär kostenlos abzugeben, das Kulturgut Buch entwertet wird. Also ist Amazon schuld? Nein, Amazon bietet nur die Plattform. Als Vanity-Autor könnte man sich ja ebensogut auf den Marktplatz stellen und seine Bücher verschenken. Macht aber keiner, denn viele Autoren verstehen immer noch nicht, dass nicht das Papier und die Druckerschwärze, nicht das bunte Cover und der broschierte Einband den Wert des Buches ausmachen, sondern der immaterielle Inhalt.

Ich finde es prima, wenn jemand seine E-Books selber und ohne Verlagsunterstützung herausbringt. Es gibt tausend gute Gründe das zu tun. Ich finde es auch völlig ok, wenn man für das E-Book weniger verlangt, als für ein gedrucktes Buch, weil man viele Dinge mit dem E-Book nicht machen kann: signieren, verleihen, verschenken, Tischbeine abstützen, Moskitos erschlagen. Aber ich finde es absolute Scheiße, Bücher zu verschenken. Auch als Werbeaktionen bei Amazon. Denn die Menschen dort draußen lernen dadurch etwas, was sie nicht lernen sollten: Geschichten sind nichts wert. Geschichten dürfen – nein MÜSSEN kostenlos sein. Die Leute verlieren jeden Respekt vor der kulturellen Arbeit, die wir leisten. Die Urheberrechtsdiskussion und die Kostenloskultur im Internet sind eng miteinander verknüpft.

Denkt mal drüber nach, ihr Selfpublisher. Wir Autoren haben es selbst in der Hand, ob wir unsere Arbeit entwerten lassen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s